Chiwa - Bikanjan Bika Medrese
Die Bikanjan-Bika-Medrese in Chiwa – Ein Meisterwerk der choresmischen Baukunst
Die Bikanjan-Bika-Medrese, errichtet im Jahr 1894, gehört zu den bedeutendsten architektonischen Ensembles in Chiwa. Sie befindet sich gegenüber dem Ata-Darwaza-Platz und umfasst neben der Medrese auch eine Moschee und ein Minarett. Der Komplex wurde auf einem historischen Areal errichtet, das sich unmittelbar neben dem Mausoleum des hochverehrten Sha-Qalandar Bobo befindet. Dieses Mausoleum ist integraler Bestandteil der Anlage und stellt einen bedeutenden Wallfahrtsort dar.
Die Legende des Sha-Qalandar Bobo
Der Legende nach war Sha-Qalandar Bobo einst ein mächtiger Herrscher, der sich jedoch von seinem weltlichen Leben lossagte, um als wandernder Derwisch, ein sogenannter Qalandar, ein Leben der Askese und spirituellen Einkehr zu führen. Gemeinsam mit zwei Gefährten kam er nach Chiwa, wo er seine letzten Jahre verbrachte. Nach seinem Tod errichteten seine Schüler über seinem Grab ein Mausoleum, das bald zu einem verehrten Pilgerort wurde. Historischen Quellen zufolge stammt das ursprüngliche Mausoleum aus dem 16. Jahrhundert.
Im Jahr 1894 wurde der religiöse Komplex durch den Bau einer Medrese, einer Moschee und eines Minaretts erweitert, wodurch die gesamte Anlage an Bedeutung gewann. Überlieferungen zufolge war es der berühmte Baumeister Usta Abdullah, der für die architektonische Gestaltung verantwortlich war. Ursprünglich wurde der Bau von einem Sohn des Khans initiiert, doch nach dessen plötzlichem Tod wurden die Bauarbeiten für vier Jahre unterbrochen.
Die Entstehung der Medrese unter Bikanjan Bika
Bikanjan Bika, die Schwester von Muhammad Rahim Khan II., entschloss sich, die Medrese fertigzustellen, ohne zuvor die Erlaubnis des Khans einzuholen. Als dieser davon erfuhr, legte er zahlreiche administrative Hindernisse in den Weg, sodass der Bau für weitere sieben Jahre unterbrochen wurde. Erst als deutlich wurde, dass Bikanjan Bika entschlossen war, das Vorhaben trotz aller Widerstände zu vollenden, gab der Khan schließlich nach, und die Medrese konnte fertiggestellt werden.
Architektonische Gestaltung und Struktur
Die Bikanjan-Bika-Medrese ist ein herausragendes Beispiel der spätislamischen Architektur Zentralasiens. Der gesamte Komplex ist nach Norden ausgerichtet und folgt einem einheitlichen architektonischen Konzept. Die Medrese selbst ist eingeschossig und besitzt eine quadratische Grundfläche. Obwohl die äußere Form regelmäßig ist, weist der Innenhof eine quergerichtete Struktur auf, während der Eingangsbereich asymmetrisch gestaltet wurde.
Vier Meter vom Haupteingang entfernt erhebt sich das markante Minarett, das eine zentrale Rolle innerhalb der Gesamtkomposition einnimmt. Die Hauptfassade der Medrese wurde mit einem dreifach gewölbten Vestibül ausgestattet, das über einen gekröpften Durchgang mit einer Abfolge gewölbter Kammern verbunden ist. Die Innenräume sind funktional aufgeteilt: Die Darskhana, der Lehrraum, besitzt eine Balkendecke, während die Moschee mit einer imposanten, sphärokonischen Kuppel überdacht wurde.
Die Hauptfassade hebt sich durch ihre eigenständige architektonische Gestaltung vom Rest des Gebäudes ab. Besonders auffällig sind die seitlichen Guldastürme, die mit kunstvoll eingelassenen grünen „Bögen“ verziert wurden und der Fassade eine zusätzliche Dynamik verleihen. Das rechteckige choresmische Portal wird von einem kunstvollen „Sharafa“-Muster bekrönt. Die Wohnräume der Schüler, die sogenannten Hudschras, wurden mit Balkhi-Gewölben überdacht und erhielten aufwendig gestaltete Eingangsbereiche mit facettierten Nischen sowie ornamentalen Verzierungen.
Baumaße und technische Details
Die Medrese erstreckt sich über eine Gesamtgrundfläche von 32 × 32 Metern. Das Minarett, das als vertikales Element dominiert, besitzt an der Basis einen Durchmesser von 6,5 Metern und erreicht eine Höhe von 18 Metern. Das Mausoleum selbst ist 6,2 × 6,2 Meter groß, während die innere Grabkammer eine Fläche von 4 × 4 Metern einnimmt.
Bedeutung des Bikanjan-Bika-Komplexes
Der Bikanjan-Bika-Komplex repräsentiert eine einzigartige Synthese aus religiöser, pädagogischer und memorialer Architektur. Die Kombination aus Medrese, Moschee, Minarett und Mausoleum spiegelt die integrative Funktion islamischer Bildungseinrichtungen wider, die sowohl der religiösen Unterweisung als auch der spirituellen Kontemplation dienten. Die harmonische Verbindung von geometrischer Klarheit und dekorativen Elementen macht den Komplex zu einem der herausragendsten Beispiele choresmischer Baukunst.
Bis heute zieht die Bikanjan-Bika-Medrese zahlreiche Pilger, Touristen und Wissenschaftler an, die sich für die Geschichte und Architektur Zentralasiens interessieren. Ihre Entstehungsgeschichte, geprägt von politischem Widerstand und weiblicher Entschlossenheit, verleiht ihr eine zusätzliche kulturelle und historische Tiefe, die sie zu einem unverzichtbaren Bestandteil des architektonischen Erbes von Chiwa macht.