Chiwa - Dschuma Moschee
Die Dschuma-Moschee in Chiwa – Ein Meisterwerk traditioneller Architektur
Unter den bedeutendsten Moscheen Zentralasiens nimmt die Dschuma-Moschee in Chiwa eine herausragende Stellung ein. Ihre traditionelle Bauweise und ihre außergewöhnliche architektonische Gestaltung machen sie zu einem einzigartigen Zeugnis islamischer Sakralarchitektur. Sie bewahrt Merkmale jahrhundertealter Dschame-Moscheen und erinnert in ihrer Raumstruktur an die frühesten Freitagsmoscheen der Region.
Die Dschuma-Moschee (auch Dschame-Moschee genannt) war im Mittelalter eines der bemerkenswertesten Bauwerke von Chiwa. Ihr Name, abgeleitet vom arabischen Wort “Dschame” (Freitagsmoschee), verweist auf ihre religiöse Funktion als Hauptgebetsstätte der Stadt. Die Moschee erstreckt sich über eine Fläche von 55 x 46 Metern und ist eine sogenannte Mehrsäulenmoschee. Ihr Standort liegt strategisch an einer wichtigen Verkehrsachse, die das östliche und westliche Tor von Ichan-Kala verbindet.
Die früheste schriftliche Erwähnung der Dschuma-Moschee stammt von dem arabischen Reisenden al-Maqdisi (al-Muqaddasi), der im 10. Jahrhundert in Choresm unterwegs war. Nach Berichten von Historikern und lokalen Überlieferungen wurde die ursprüngliche Moschee später zerstört und im Jahr 1788 nach dem ursprünglichen Grundriss, jedoch in vergrößerter Form, wieder errichtet.
Architektonische Besonderheiten
Die Dschuma-Moschee zeichnet sich durch eine minimalistische und dennoch eindrucksvolle architektonische Gestaltung aus. Die rechteckige Halle mit den Maßen 45 x 55 Meter ist von einer massiven, schmucklosen Außenwand umgeben, die nur drei Eingänge aufweist. Die Höhe der Wände beträgt 4,5 Meter, während das zugehörige Minarett mit 42 Metern majestätisch über die Stadt ragt.
Der Innenraum der Moschee ist von Halbdunkel geprägt, da nur wenige Oberlichter auf dem Dach für Beleuchtung sorgen. Die Decke wird von 213 kunstvoll geschnitzten Holzsäulen getragen, die in einem strengen Raster von 3,15 x 3,15 Metern angeordnet sind. Jede dieser Säulen ist ein Unikat, viele stammen aus früheren Jahrhunderten und sind mit floralen sowie geometrischen Mustern verziert. Einige dieser Holzsäulen wurden in den vergangenen Jahrhunderten aus anderen Moscheen und Gebäuden wiederverwendet, sodass einige von ihnen bis ins 10. und 11. Jahrhundert zurückdatiert werden können.
Der Mihrab, die Gebetsnische, befindet sich in der Mitte der Südwand. Um ihn herum sind hohe Nischen eingelassen, während die Decke in diesem Bereich etwas höher als in der restlichen Moschee ist. Die Mihrab-Nische ist mit grüner Farbe bemalt, und ihre Säulen sind in Schwarz und Rot mit stilisierten Darstellungen von Bäumen, Sträuchern und Blumen verziert – ein seltenes Beispiel für ornamentale Malereien in Moscheen Zentralasiens.
Historische Inschriften und Spenden
An den Wänden der Moschee befinden sich mehrere Marmorplatten mit Inschriften. Eine dieser Platten, datiert auf das Jahr 1203 Hidschra (1788/1789), enthält einen Waqf-Brief, der eine Schenkung von Ländereien und Mitteln für die Moschee dokumentiert. Laut dieser Inschrift wurde auf Befehl des Wesirs Abdurahman Mihtar in den Dörfern Kuyuktam und Bekabad Land für die Moschee bereitgestellt, um deren Unterhalt und wohltätige Zwecke zu finanzieren. Eine weitere Marmorplatte, die ein Chronogramm (Tarih) trägt, verweist auf das Jahr 1080 Hidschra (1666) und könnte auf eine frühere Renovierung der Moschee hindeuten.
Klimatische Anpassung und nachhaltige Bauweise
Ein bemerkenswertes Element der Dschuma-Moschee ist ihre klimatische Anpassung. Das Tor der Moschee ist nach Norden ausgerichtet, sodass der Nordwind durch zwei große Oberlichter in die Halle gelangt. Unter diesen Oberlichtern wurden einst Maulbeerbäume der Sorte “Balkhi” gepflanzt, die eine natürliche Luftreinigung bewirkten. Die weißen Maulbeerbäume (ak tut) benötigten nur wenig Wasser und trugen zur Regulierung der Bodenfeuchtigkeit bei, was der Langlebigkeit des Gebäudes diente.
Funktion und Bedeutung der Moschee
Die Dschuma-Moschee hebt sich von anderen Moscheen durch ihre außergewöhnliche Bauweise ab. Im Gegensatz zu vielen anderen islamischen Sakralbauten Zentralasiens verfügt sie über keine Kuppeln, Portale oder Innenhöfe. Der Gebetsraum ist von drei Seiten zugänglich und öffnet sich an der Nordseite zur Palvon-Qori-Straße, an der sich auch das 33 Meter hohe Minarett erhebt.
Im Laufe der Jahrhunderte diente die Moschee nicht nur als Gebetsstätte, sondern auch als gesellschaftliches Zentrum, in dem Gelehrte unterrichteten und öffentliche Versammlungen abgehalten wurden. Ihr schlichtes, aber funktionales Design ermöglichte eine flexible Nutzung des Raumes für religiöse und soziale Aktivitäten.
Restaurierungen und heutiger Zustand
In den Jahren 1996 bis 1997 wurde die Dschuma-Moschee umfangreich restauriert. Dabei wurden zahlreiche abgenutzte Säulen ersetzt, und die Holzkonstruktionen des Dachs wurden verstärkt. Heute ist die Moschee eine der wichtigsten Sehenswürdigkeiten Chiwas und ein zentraler Bestandteil des UNESCO-Weltkulturerbes Ichan-Kala. Besucher aus aller Welt bewundern die faszinierende Kombination aus traditioneller Baukunst, archaischer Raumstruktur und nachhaltigen Konstruktionsmethoden.
Die Dschuma-Moschee von Chiwa bleibt ein beeindruckendes Zeugnis islamischer Architektur und ein bedeutendes Symbol für die religiöse und kulturelle Geschichte Zentralasiens. Ihre jahrhundertealte Struktur vermittelt einen lebendigen Eindruck der sakralen Baukunst und zeigt, wie traditionelle Methoden zur Schaffung eines funktionalen und zugleich ästhetisch ansprechenden Raumes eingesetzt wurden.