Buchara - Magoki Attori Moschee
Die Magoki Attori Moschee in Buchara: Ein Spiegel der Jahrhunderte
Im Herzen der historischen Stadt Buchara erhebt sich die Magoki Attori Moschee, ein Bauwerk von außergewöhnlicher historischer und kultureller Bedeutung. Die Moschee ist in vielerlei Hinsicht einzigartig: Sie bewahrt bis heute ihren ursprünglichen Bauplan und das kunstvolle Dekor, das die architektonische Meisterschaft vergangener Jahrhunderte widerspiegelt. Ihre Geschichte reicht bis in vorislamische Zeiten zurück und macht sie zu einem faszinierenden Symbol für die religiöse Vielfalt und den Wandel in Zentralasien.
Ursprung und Legenden
Die Magoki Attori Moschee in Buchara wurde an einem Ort errichtet, der schon lange vor der Ankunft des Islam als heiliger Boden galt. Wissenschaftler haben festgestellt, dass sich an dieser Stelle einst ein Tempel der Feueranbeter befand, der den Anhängern des Zoroastrismus diente. Ebenso war hier ein Tempel des Mondes angesiedelt, was der Moschee ihren zweiten Namen einbrachte: “Moschee Moh” – vom persischen “Mah” und tadschikischen “Moh”, was “Mond” bedeutet.
Dieser Ort war nicht nur ein religiöses Zentrum, sondern auch ein lebhafter Handelsplatz. In unmittelbarer Nähe befand sich der sogenannte “Mondmarkt”, auf dem Heilmittel, Gewürze und andere Waren gehandelt wurden. Während der Feierlichkeiten zum Neujahrsfest Nowruz wurden auf diesem Basar zahlreiche Statuen verschiedener Gottheiten der zoroastrischen Religion ausgestellt, die Fruchtbarkeit und eine reiche Ernte symbolisierten.
Der Wandel unter dem Islam
Mit der Ausbreitung des Islam in Zentralasien wurde der Tempel der Feueranbeter zerstört, und an seiner Stelle errichteten muslimische Baumeister im 9. Jahrhundert die Magoki Attori Moschee. Der Name “Magoki” bedeutet “in einer Grube” und verweist auf ihre Lage, die im Laufe der Jahrhunderte immer tiefer in den Boden gesunken ist. In den Schriften von Narshakhi, einem bedeutenden Historiker des 10. Jahrhunderts, wird die Moschee explizit als “Magok” erwähnt, was die Wahrnehmung der Einheimischen als unterirdisches Gebetshaus verdeutlicht.
Architektur und Baukunst
Die ursprüngliche Moschee war ein architektonisches Meisterwerk. Sie wurde mit sechs tragenden Säulen und einer mächtigen Zwölferkuppel errichtet. Der Haupteingang wurde durch einen prachtvollen Bogen markiert, der auf zwei Steinsäulen ruhte und mit aufwändigen Schnitzereien verziert war. Besonders beeindruckend war die geschickte Kombination von Ziegelmustern in Form von Bögen mit glasierten Einsätzen und Terrakotta-Mosaiken, die das Licht auf faszinierende Weise brachen und ein Spiel von Schatten und Strukturen erzeugten.
Leider wurde das erste Gebäude der Moschee Ende des 10. Jahrhunderts durch ein verheerendes Feuer fast vollständig zerstört. Nur Fragmente der geschnitzten Ganch (Stuckverzierungen) und Reste der Wände haben diese Katastrophe überdauert. Im 12. Jahrhundert wurde die Moschee auf denselben Fundamenten wiederaufgebaut, wobei der ursprüngliche Bauplan größtenteils beibehalten wurde.
Zerstörung und Wiederaufbau
Trotz ihres prächtigen Wiederaufbaus hielt die zweite Moschee nur etwa drei Jahrhunderte, bevor sie erneut zerstört wurde. Das einzige Element, das die Zeit überdauerte, war das Südportal, das bis heute für seine kunstvolle Dekoration berühmt ist. Es ist ein Paradebeispiel der Architektur Bucharas und zeigt ein hohes Maß an Kunstfertigkeit: Vertikal angeordnete Tafeln sind mit filigranen Reliefs und kunstvollen Inschriften in arabischer Sprache verziert.
Ein bemerkenswerter Aspekt der Baugeschichte ist der kontinuierliche Anstieg des Bodenniveaus rund um die Moschee. Als das Gebäude im Jahr 1547 erneut umgebaut wurde, war das Niveau so stark gestiegen, dass ein neuer Eingang geschaffen werden musste. Dies erforderte den Bau einer breiten Treppe, die hinab zum Gebetshaus führte, während das Südportal bereits sechs bis acht Meter unter der damaligen Oberfläche lag.
Archäologische Entdeckungen und Restaurierungen
In den 1920er Jahren begannen Archäologen mit der Ausgrabung des Südportals. Dabei wurden nicht nur die zerstörten oberen und seitlichen Teile des Portals gesichert, sondern auch die Fassade gereinigt und teilweise restauriert. Archäologische Untersuchungen enthüllten weitere faszinierende Details: So entdeckte man, dass die ursprüngliche Moschee eine beeindruckende Zwölferkuppel besaß, getragen von massiven Säulen, die das Gewicht der Kuppel verteilten.
Besonders faszinierend ist das Zusammenspiel der verschiedenen architektonischen Stile, die in der Magoki Attori Moschee verschmelzen. Der Einfluss der zoroastrischen Vergangenheit, der islamischen Baukunst und der einzigartigen Handschrift der Buchara-Architekten zeugt von der kulturellen Vielfalt dieser Region.
Ein Ort des Dialogs und der Begegnung
Ein weiteres bemerkenswertes Kapitel der Geschichte dieser Moschee ist ihre Rolle als Ort des interreligiösen Dialogs. Vor dem Bau der ersten Synagoge in Buchara beteten Juden und Muslime gemeinsam in der Magoki Attori Moschee – ein Zeichen des friedlichen Miteinanders der Glaubensgemeinschaften zu jener Zeit. Diese Geschichte verleiht dem Bauwerk eine zusätzliche Tiefe und macht es zu einem Symbol für Toleranz und Zusammenleben.
Die Magoki Attori Moschee ist mehr als nur ein Bauwerk aus Ziegel und Mörtel – sie ist ein lebendiges Zeugnis der wechselvollen Geschichte Bucharas und ein Symbol für die religiöse und kulturelle Vielfalt dieser Region. Ihre Mauern erzählen Geschichten von Zoroastriern, Muslimen und Juden, von Zerstörung und Wiederaufbau, von Kunstfertigkeit und Glauben. Wer heute die Magoki Attori Moschee besucht, betritt nicht nur ein Gebäude, sondern taucht ein in eine Welt, in der Geschichte und Legenden untrennbar miteinander verwoben sind.