Chiwa - Amir Tura Medrese
Die Medrese Amir Tura in Chiwa: Ein architektonisches Juwel der Spätblüte choresmischer Baukunst
Im nördlichen Teil von Ichan-Qala in Chiwa, umgeben von historischen Wohnhäusern und engen Gassen, erhebt sich die Amir-Tura-Medrese, ein architektonisches Zeugnis der späten Blütezeit der choresmischen Baukunst. Sie wurde im Jahr 1870 auf Befehl von Amir Tura, dem Bruder von Muhammad Rahim-khan II. (1863–1910), errichtet und trägt seinen Namen. Trotz ihrer vergleichsweise bescheidenen Größe und der bewusst gewählten Zurückhaltung in der Ornamentik, zeugt dieses Bauwerk von einem ausgeprägten Sinn für Eleganz und Funktionalität, der für die späte choresmische Architektur charakteristisch ist.
Architektonische Besonderheiten und gestalterische Raffinessen
Die Medrese folgt dem klassischen Schema der islamischen Bildungsinstitutionen, weist jedoch einige einzigartige Merkmale auf. Die Hauptfassade wird von einem imposanten, hohen Portal dominiert, dessen achteckige Nische von einer zweistöckigen Flügelarkade umrahmt wird. Durch diese architektonische Gestaltung entsteht die Illusion eines zweigeschossigen Baukörpers, obwohl das Gebäude tatsächlich einstöckig ist. Diese optische Raffinesse verleiht der Medrese eine außergewöhnliche Monumentalität, ohne dass dabei auf eine funktionale Nutzung eines zweiten Stockwerks gesetzt wurde.
Die übrigen Außenfassaden zeichnen sich durch ihre hohen, schmucklosen Wände aus, die die strenge Symmetrie der Architektur betonen. Im Gegensatz zu vielen anderen Medresen der Epoche verzichtet die Amir-Tura-Medrese auf opulente Dekorationen. Die Portalarchitektur ist bewusst schlicht gehalten, wodurch die minimalistische Ästhetik des Bauwerks noch deutlicher zur Geltung kommt. Lediglich die Guldasta, die seitlichen Türme, sind mit schmalen Streifen aus grünen Mosaiken verziert, was dem Bauwerk eine subtile, aber edle Anmutung verleiht.
Funktionale und gestalterische Elemente
Trotz ihrer strengen architektonischen Klarheit besitzt die Medrese einige kunstvolle Details, die das Erscheinungsbild auflockern. Besonders hervorzuheben sind die filigranen Ganch-Gitter, sogenannte Panjara, die die Fenster der Hudschras (Wohnzellen der Studierenden) schmücken. Diese durchbrochenen Gitter dienen nicht nur der Lichtregulierung, sondern sorgen auch für eine natürliche Belüftung der Innenräume. Die Innenhöfe der Medrese wurden nach funktionalen Prinzipien gestaltet und boten den Studenten einen ruhigen, abgeschiedenen Raum für Studium und Gebet.
Die Medrese gehörte zur mittelgroßen Kategorie unter den Bildungseinrichtungen ihrer Zeit – weder so groß wie die imposante Medrese von Muhammad Aminkhan, noch so bescheiden wie kleinere regionale Lehranstalten. Historischen Quellen zufolge war die Medrese ursprünglich für eine umfassendere dekorative Gestaltung vorgesehen. Doch politische Unruhen und militärische Konflikte verhinderten die Vollendung der aufwendigen Verzierungen. Es wird berichtet, dass bereits begonnene Dekorarbeiten abrupt eingestellt wurden, als die Truppen der Roten Armee die Stadt besetzten.
Restaurierung und heutige Bedeutung
Infolge von Vernachlässigung und den politischen Wirren des 20. Jahrhunderts verfiel die Medrese zusehends. Erst in den 1980er Jahren wurde mit einer umfassenden Restaurierung begonnen, die sich bis in die späten 1990er Jahre erstreckte. Dabei wurden nicht nur die strukturellen Elemente stabilisiert, sondern auch die wenigen erhaltenen Dekorfragmente konserviert, um den authentischen Charakter des Bauwerks zu bewahren.
Heute präsentiert sich die Amir-Tura-Medrese wieder in ihrer ursprünglichen Form und zählt zu den faszinierendsten Bauwerken von Ichan-Qala. Als bedeutendes Denkmal der spätislamischen Architektur Zentralasiens zieht sie jährlich zahlreiche Besucher und Wissenschaftler an, die ihre schlichte, aber eindrucksvolle Gestaltung studieren und bewundern. Die Medrese ist nicht nur ein kulturelles Erbe, sondern auch ein Symbol für die Kontinuität und Widerstandsfähigkeit der islamischen Baukunst in Chiwa.